SCHNELLER WIEDER FIT

Unser Wissen um Bedeutung und Funktion faszialer Strukturen hat auch Einfluss auf unsere Rehabilitationsprogramme. Viele Dinge bleiben im Vergleich zu traditionellen Reha-Maßnahmen gleich, jedoch führt unser Faszienverständnis zu vielen Änderungen in den Details. Gerade diese Nuancen machen aber den Unterschied – nicht nur, aber insbesondere beim Spitzensportler.

 

Unser interdisziplinäres Reha-Konzept nach einer Bandscheiben-OP soll dies exemplarisch darstellen:

 

Ein Tatsachenbericht

Ein DEL Eishockeytorhüter erlitt einen akuten Bandscheibenvorfall in der Lendenwirbelsäule mit fast kompletter Lähmung der Fußmuskeln. Nach einer notfallmäßigen Operation durch den Mannschafts- und Chefarzt der Wirbelsäulenchirurgie im Krankenhaus Tabea, Dr. Jan Schilling, Ärztlicher Leiter und Mit-Eigentümer des Therapiezentrums HafenCity bzw. vom Faszienzentrum Nord, wurde eine Ausfallzeit von 4 Monaten prognostiziert. Der Sportler arbeitete diszipliniert an seiner Genesung und stand nach nur 7 Wochen wieder auf dem Eis – und trainierte für sein Comeback.

 

Bedeutung der thoracolumbalen Faszie

Die Kraftübertragung vom Rumpf auf die Beine geschieht u.a. über die Fascia thoracolumbalis (FTL). Die FTL ist eine kräftige, aus mehreren Schichten aufgebaute Faszie. Für die Kraftübertragung kommen die posteriore und mittlere Schicht der Faszie infrage, da sie in Verbindung zu relevanten Muskeln stehen. Im Bereich der unteren LWS und des Sacrums entsteht dadurch eine kreuzgitterartige Struktur der Fasern, die die Kräfte nach kranial, kaudal und auch in diagonaler Richtung überträgt. Die FTL stellt sich als eine mit kontraktilen Elementen gefüllte Bindegewebsstruktur dar, die eine wesentliche Rolle bei der Kraftübertragung zwischen Wirbelsäule, Becken und Beine spielt. Die FTL setzt oberhalb von L4 an den Mittellinienstrukturen (Lig. Supraspinale, Procc.spinosi, Crista sacralis mediana) an.

 

Diese anatomische Voraussetzungen bilden eine funktionelle Grundlage für die Rehabilitation, in der die isolierte Beckenaufrichtung einen zentralen Pfeiler darstellt. Bei der Beckenaufrichtung entfernen sich die Dornfortsätze voneinander, und die FTL wird gespannt. Durch die Vorspannung wird Energie in der FTL gespeichert und bei der darauffolgenden Bewegung abgegeben. Dadurch wird die Kraftübertragung vom Rumpf auf die Beine ökonomischer.

 

Ablauf der Rehabilitation 

Am 2. Tag postoperativ startete das intensive Rehabilitationsprogramm des Torhüters. In der ersten Woche absolvierte er tägliche Einheiten an manueller Therapie, Elektrotherapie, neuromeningealer Mobilisation und Faszientherapie. In der Faszientherapie kamen zunächst Therapiemethoden zum Einsatz, die die Stoffelwechselprozesse der Faszien anregen und Verklebungen und Verhärtungen lösen. Es stellten sich schnell Verbesserungen in den Alltagsaktivitäten ein – und auch das Mobilisationsprogramm konnte zu Beginn der 2. Woche erweitert werden. Zusätzlich erlernte er, als Basis für die folgenden Therapie- und Trainingseinheiten, das Becken isoliert zu bewegen und zu kontrollieren. Zum Ende der 2. Woche arbeitete er mit ersten Gewichten im Farmerswalk und in der Squat-Hocke. Zu jeder Zeit galt es, die Lenden-Becken-Hüftregion (LBH) kontrolliert einzusetzen. Den Basiseinheiten der ersten Wochen folgten diverse Einheiten mit dem „Faszilator“, auf dem Ergometer und im Faszientraining. Die Grundübungen wurden intensiviert und sowohl mit der Hüftbeugerdehnung als auch mit Stabilitätseinheiten für den thoracolumbalen Übergang erweitert. Eine funktionelle Diagnostik bildete in der 4. Woche die Grundlage für die weiteren Trainingspläne der Rehabilitation. Die 6. Woche verbrachte der Profisportler in seiner Heimat USA. Um seine Reha nicht zu unterbrechen, absolvierte er täglich 45 Minuten Faszientraining – mit dem Ziel, seinen Körper trainierbar zu machen. Diese Einheiten wurden via Skype von seinen Therapeuten im Therapiezentrum HafenCity überwacht und kontrolliert. Zusätzlich führte er Mobilitätseinheiten mit und ohne BlackRoll durch. Nach seiner Rückkehr Mitte der 7. Rehabilitationswoche wurde das Faszientraining intensiviert und vermehrt aufbauend trainiert. Es folgten 10 Tage sportartspezifisches Zirkeltraining mit begleitender manueller Faszientherapie. Zu Beginn der 8. Woche stand Sébastien Caron erstmals nach seiner Operation wieder auf dem Eis und absolvierte gemeinsam mit seinem Torwarttrainer eine 20-minütige Trainingseinheit. Stetig wurde die Intensität der Trainingseinheiten auf und neben dem Eis gesteigert und zwischen Physiotherapeuten, Ärzten und Trainern entsprechend abgestimmt. In der 11. Woche nahm er erstmals am Mannschaftstraining teil und steigerte so nochmals seine Intensität. Begleitend wurde der Spieler weiterhin mit manueller Therapie und Faszientherapie im Therapiezentrum HafenCity betreut. 

 

Besonderheiten des Rehabilitationskonzeptes im Faszienzentrum Nord

Das Faszienzentrum Nord im Therapiezentrum HafenCity steht für interdisziplinäre Zusammenarbeit von Physiotherapeuten, Ärzten und Osteopathen. Ein regelmäßiger, enger Austausch gehört zum Praxisalltag. Dieser Austausch wird in der Praxis dadurch sichtbar gemacht, dass sowohl der Arzt einmal auf der Trainingsfläche vorbeischaut als auch die Physiotherapeuten und Osteopathen an Ultraschall- oder Elastographieuntersuchungen teilnehmen. Diese enge Zusammenarbeit ermöglicht eine optimale Steuerung der Therapie und des Return-to-Play. In der Therapie- und Trainingsplanung bei z.B. Wirbelsäulenerkrankungen setzt das Faszienzentrum Nord den Schwerpunkt auf das Faszientraining – bestehend aus dreidimensionalen, großflächigen Bewegungen und kontrolliertem Einsatz der LBH Region. Begleitend kommen manuellen Faszientechniken, wie die myofasziale Releasetherapie und technische Hilfsmittel zum Einsatz. Ziel dieser kombinierten Form aus Faszientherapie und -training ist es, die Faszien „trainierbar" zu machen und Verklebungen und Verhärtungen vorzubeugen. Dem frühzeitigen Erlernen eines kontrollierten Bewegens und einer verbesserter Mobilität der LBH Region kommt entsprechend der Ausführungen zur Fascia thoracolumbalis eine hohe Bedeutung zu und bildet somit den Grundstein des Konzeptes im Therapiezentrum Nord. Im Gegensatz zu bestehenden Konzepten, die zu Beginn einer Rehabilitation nach der Bandscheibenoperation vermehrt auf segmentale Ruhigstellung und Stabilisation setzen, wird im Konzept des Faszienzentrum Nord eine zeitnahe Mobilisation als Grundstein für eine erfolgreiche Rehabilitation angesehen.

  

Die hier erläuterten Grundprinzipien gelten für unsere gesamten Therapie- bzw. Rehabilitationskonzepte. Insbesondere finden sie neben Wirbelsäulenerkrankungen Anwendung bei Knie- (z.B. Kreuzbandersatz) und Schulteroperationen (z.B. Impingement, Rotatorenmannschettenruptur).